Ü30 und bald Schreinerlernender


Christian Läubli (34) ist Betriebswirt, Offizier, Bergsportler und demnächst Schreinerlernender. Für seine Reparaturen nutzt er die Dorfwerkstatt Greifensee. Bild: Manuela Ziegler


Christian Läubli (34) ist Betriebswirt, Offizier, Bergsportler und demnächst Schreinerlernender. Für seine Reparaturen nutzt er die Dorfwerkstatt Greifensee. Bild: Manuela Ziegler
Leute. Von der Versicherungsbranche in die Werkstatt: Christian Läubli beginnt im August die Schreinerlehre. Der 34-Jährige hat sich auf einer längeren Reise zu diesem Schritt entschlossen.
Er könnte den eingeschlagenen Weg in der Versicherungsbranche mit Karrierechancen weitergehen – tut es aber nicht. Christian Läubli (34) hat in seiner Laufbahn schon einiges erreicht. Nach der KV-Ausbildung 2010 entschied sich der gebürtige Zofinger, den Bachelor in Betriebswirtschaftslehre an der Hochschule Luzern zu machen, anschliessend setzte er sein Masterstudium an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften mit Abschluss 2022 obendrauf. Studienbegleitend hat er in der Immobilien- und Versicherungsbranche als Business Analyst und Key Account Manager gearbeitet.
Doch damit nicht genug: Parallel absolvierte er die Rekrutenschule und brachte es bis zum Offizier. Bis heute leistet er Dienst im Kommando «Führungs- und Kommunikationsausbildung» als Kommunikations- und Verhandlungstrainer. «Ich habe es gern, wenn etwas geht», sagt Läubli über sich.
Der innere Ruck, nun noch einmal etwas ganz Neues zu wagen, kam während einer beruflichen Auszeit 2025. Zusammen mit seiner Lebensgefährtin, Hund und Camper ist er zu einer Europareise aufgebrochen. «Während so einer Reise hat man viel Zeit nachzudenken», sagt er. «Da habe ich mich gefragt, ob ich bis zum Ende meiner Berufslaufbahn im Versicherungsbereich arbeiten möchte und mir das mit Nein beantwortet.»
Schnell wie Läubli ist, hat er bereits von unterwegs aus dem Ausland Bewerbungen an Schreinereien geschickt. Denn seine Kindheitserfahrungen im Zofinger Werkverein sind bei ihm sehr lebendig. «Stunden um Stunden haben meine Geschwister und ich dort zusammen mit Gleichaltrigen gewerkt, das war cool», erinnert er sich. Etwas mit den Händen zu erschaffen, erachtet er als wertvoll und sinnstiftend. In seinem heutigen Wohnort gibt es die Dorfwerkstatt Greifensee, die er aktuell vor allem für private Reparaturen aufsucht. Hier schätzt er es, dass er Maschinen wie Oberfräse, Band- und Tischkreissäge mitbenutzen darf.
Läubli fühlt sich der Natur verbunden und verbringt seine Freizeit am liebsten in den Bergen, beim Gleitschirmfliegen und Trailrunning. Vielleicht führte die väterliche Tätigkeit als Bankangestellter dazu, dass Läubli zuerst eine betriebswirtschaftliche Laufbahn eingeschlagen hat. Auch die Offiziersausbildung hat in der Familie durch Vater und Grossvater Tradition. Doch auch er selbst steht zum Militärdienst. «Die Führungsausbildung und die dabei übertragene Verantwortung haben mich positiv geformt.»
Sein bewegter beruflicher Lebensweg findet bei der Gerber Schreinerei + Innenausbau AG in Russikon Anklang. Ab August wird er dort die Ausbildung zum Schreiner EFZ starten und das Handwerk «von der Pike auf lernen», wie er sagt. «Das rechne ich der Schreinerei hoch an, denn Lernende auszubilden kostet einen Betrieb viel Zeit und Geld.» Ob er Talent hat fürs Schreinerhandwerk, weiss er erst, wenn er es ausprobiert. Weil er kinderlos ist und im Vergleich keine hohen Fixkosten hat, ist er relativ unabhängig.
Angesprochen auf strukturelle Probleme der Branche wie lange Arbeitszeiten, vergleichsweise geringe Bezahlung sowie starke körperliche Belastung, antwortet er: «Strukturelle Probleme gibt es vermutlich in jeder Branche. Ich sehe sie nicht als Hindernis, sondern als Chance, Dinge zu hinterfragen und Verbesserungen anzustossen.»
Veröffentlichung: 08. Juni 2026 / Ausgabe 23/2026
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