Wenn Möbel ihre Geschichte erzählen

Massimo Biondi (81) arbeitet noch immer fast täglich in seiner Werkstatt im Zürcher Niederdorf. Bild: Caroline Mohnke

Leute. Passanten, die im Zürcher Niederdorf dem Rindermarkt entlang schlendern, bleiben vor der Hausnummer 11 stehen: Dort ist das Schaufenster der Antikschreinerei von Massimo Biondi. Es sticht ins Auge.

Vor Kurzem präsentierte der Zürcher Massimo Biondi ein antikes Emailleschild der Bahnhofstrasse. Daneben stehen auf einem Glastisch eine gelbe Tasche und eine Kreidetafel mit der Aufschrift: «D’Bahnhofstrass hät halt ihre Priis, d’Handtäsche gits aber gratis dezue.» «Mein Schaufenster mache ich alle zwei bis drei Tage neu», erzählt der 81-Jährige in seiner Werkstatt. Sein Ideenreichtum ist vielfältig. An Ostern habe er einst 35 braune Schoggihasen ins Fenster gestellt, die alle in eine Richtung schauten, und in der Mitte einen weissen, der in die andere Richtung schaute. Nach Ostern habe er ein Schild geschrieben: «Hol dir einen.» Die Leute seien erfreut in seine Werkstatt gekommen.

 

 

Seit 1972 arbeitet er selbstständig in der Innenstadt von Zürich und seit 1999 in der Werkstatt mit Laden am Rindermarkt. Das Altstadthaus beherbergt seit dem 14. Jahrhundert Räume zum Wohnen und Arbeiten. 1548 wurde es erstmals als «Roter Seckel», als roter Geldbeutel, erwähnt. «Von Dienstag bis Samstag bin ich jeden Tag hier», sagt er und räumt ein: «Ohne meine Frau würde das nicht funktionieren.» Sie erledige die Buchhaltung, beantworte Mails, beschrifte die Preisschilder und vieles mehr. «Sie organisiert mein Leben», sagt er lachend und zufrieden. Die beiden kennen sich seit über 50 Jahren und haben einen Sohn, der in Japan lebt und auch Massimo heisst. «Das ist eine Familientradition mit den Namen», sagt der Nachkomme eines italienischen Einwanderers. Sein Grossvater sei vor vielen Jahren in die Schweiz eingewandert. «Mein Vater ist mit 94 Jahren als Italiener in Zürich gestorben.»

Schlosser im Winter? Nein danke. 

Er selbst ist auch Italiener geblieben. Mit 15 Jahren kam Biondi in ein Heim nach Sursee. «Es gab dort ein paar Möglichkeiten, einen Beruf zu erlernen», erinnert er sich an die Zeit von damals: Schlosser, Schreiner, Schneider oder Landwirt. «Ich habe einem Schlosser bei seinem Handwerk zugeschaut und gedacht: ‹Eisen abschneiden im Winter kann ich mir nicht vorstellen.›» Zudem habe er sich mit dem Lehrmeister von der Schreinerwerkstatt gut verstanden. Auf die Frage, wie er die Zeit im Heim erlebt hat, schmunzelt er und sagt: «Ich war einer, der sich immer gut wehren konnte.»

Während des Gesprächs winkt er immer wieder vorbeilaufenden Passanten zu. Man kennt ihn. Manche besuchen ihn auf einen Schwatz. Massimo Biondi liebt die Arbeit mit alten Möbeln. «Ich will den Zeitgeist von damals spüren.» Er zelebriert sein Handwerk. Werkzeuge von anno dazumal zieren die ganze Wand. In seiner Werkstatt befinden sich nebst Kundenaufträgen ebenso einzigartige Objekte, die er zum Kauf anbietet.

«Ich lebe ein sehr zufriedenes Leben und kann mir kein schöneres vorstellen.»

Massimo Biondi liest jeden Tag die Zeitung. Einen Fernseher hat er nicht. Auch kein Tablet. «Aber viele Bücher», sagt er lachend. Mit seiner Frau besucht er regelmässig den Sohn in Tokio. «Ich bin ein Stadtwanderer», erzählt er. Er laufe liebend gerne durch Städte und beobachte. So führen die gemeinsamen Reisen auch mal nach Paris. «Ich lebe ein sehr zufriedenes Leben und könnte mir kein schöneres vorstellen.» Ans Aufhören mit der Schreinerarbeit denke er noch nicht. «In zwei Jahren läuft der Mietvertrag ab, dann können wir darüber nachdenken», sagt er und winkt Touristen zu, die sein Schaufenster fotografieren.


Caroline Mohnke

Veröffentlichung: 23. März 2026 / Ausgabe 12/2026

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