Zwischen Handwerk und Kunst

Für Claudio Rainolter (70) war die Arbeit als Orgelbauer stets eine grosse Passion. Bild: PD

Nein, mit klassischer Musik hatte er damals nicht viel am Hut. Er sei vielmehr der Rolling-Stones- und Beatles- Fan gewesen. Den Zugang zum Orgelbau habe er eindeutig über das Handwerk gefunden. Wenn Claudio Rainolter auf sein Leben und Schaffen zurückblickt, leuchten seine Augen. Begonnen hat alles mit einer Schreinerlehre. «Nicht, weil ich unbedingt hätte Schreiner werden wollen, sondern schlicht und einfach, weil ich etwas lernen musste», erinnert sich der 70-Jährige. Die Leidenschaft für die Materie Holz und das Arbeiten damit sei in ihm jedoch ziemlich schnell entbrannt. Was folgte, war die Ausbildung zum Orgelbauer bei der Orgelbaufirma von Richard Freytag im bündnerischen Felsberg. 1973 zog es den angehenden Orgelmeister erstmals nach Spanien, in das Land, das für seinen Reichtum an historisch wertvollen Orgeln bekannt ist. Eine Reise mit Folgen: Nach einjährigem Aufenthalt und ein paar weiteren Jahren als Orgelbauer in der Schweiz beschloss Rainolter Mitte der Achtzigerjahre, nach Spanien auszuwandern und sich als selbstständiger Orgelbauer zu versuchen. Ein gelungener Versuch. Gemeinsam mit seiner damaligen Frau konnte er sich in den spanischen Orgelbaukreisen einen Namen machen. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil er gewissen Handwerkerregeln stets treu geblieben ist.

«Ja, hin und wieder habe ich so etwas wie Heimweh nach Holz.»

So wurde und wird beim Bündner kein einziges Stück Holz geschliffen, sondern alles fein säuberlich von Hand gehobelt. «Das verleiht dem Holz einen ganz eigenen Charakter und ein ganz eigenes Leben», gerät Rainolter ins Schwärmen.

Aus dem Schwärmen kommt er auch nicht heraus, wenn er von den 25 Jahren in Spanien erzählt. «Die Zeit in Spanien war sehr intensiv und ungemein lehrreich.» Und erfolgreich. Denn unter den vom «spanischen Schweizer» restaurierten Orgeln waren auch so bedeutende Werke wie die Orgel der Kirche San Pedro de los Francos in Calatayud. Eine Orgel, die aus der Mitte des 15. Jahrhunderts stammt und somit zu den ältesten noch erhaltenen Kirchenorgeln gehört. Allen Erfolgen zum Trotz zog es Rainolter 2009 wieder zurück in die Schweiz. Hier waren es dann vor allem Schränke, die seinen Arbeitsalltag bestimmten. Er fertigte eigenwillige, bunte Schränke. Allesamt Eigenkreationen, und jeder von ihnen ein Unikat. «Das kam bei den Leuten ziemlich gut an», sagt der passionierte Handwerker etwas gar bescheiden. Denn die Rainolter-Schränke waren nicht nur als Gebrauchsgegenstände äusserst beliebt, sondern auch als Kunsthandwerkskulpturen.

Heute befindet sich Rainolter in einer anderen Etappe seines Lebens. Einer Etappe, in der er nicht zuletzt aufgrund einer Arthritiserkrankung etwas kürzer treten muss. Seiner Passion für das Arbeiten mit Holz im Allgemeinen und für den Orgelbau im Besonderen tut dies keinen Abbruch. So werkelt Rainolter hie und da an seinem Haus oder besucht einen befreundeten Schreiner in dessen Werkstatt.

«Ja, hin und wieder habe ich so etwas wie Heimweh nach Holz», gesteht er lächelnd. Was ihm bleibt, sind viele schöne Erinnerungen an ein abwechslungsreiches Leben. Dies und ein neuer Musikhorizont. Denn aus dem Rolling-Stones-Fan von damals ist im Laufe der Zeit ein überzeugter Klassik-Freund geworden.

FB

Veröffentlichung: 23. August 2018 / Ausgabe 34/2018

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