Zwischen Holz und Zahlen

Aurelio Ledergerber (50) hat eine Passion für Holz und Zahlen. Seine Schlitten stellt er ohne Leim, Lack und Öl her. Bild: Caroline Mohnke

Leute. Eingebettet zwischen sanften Voralpengipfeln, unweit von Einsiedeln, liegt Aurelio Ledergerbers Werkstatt in Brunni-Alpthal SZ. Die Strasse schlängelt sich zwischen Bach und Wald und ist an diesem Apriltag fast unbefahren.

«Der Winter ist vorbei, daher ist hier derzeit Zwischensaison», erzählt Aurelio Ledergerber in der Wohnküche seines Holzhauses mit Blick auf die Mythen. Fast alles in seinem Haus ist aus naturbelassenem Holz. Der Boden ist aus Esche, die Küche sowie das Haus selbst und viele Möbel aus Lärche. Auch die Kinderbetten sind selbst geschreinert mit Lärchenholz aus der Klostersägerei Einsiedeln. Hinter dem Haus liegt noch ein bisschen Schnee um den Weiher und im Wald. Da hüpfe ab und zu ein Frosch umher.

 

 

Sein Tag beginnt mit Finanzthemen

«Im Wald habe ich einen Waldspielplatz gebaut», sagt der Vater zweier Kinder im Alter von 9 und 11 Jahren und fügt an: «Ich stehe zwischen vier und fünf Uhr auf.» Dann beginne sein Tag hauptsächlich mit Finanzthemen, bevor er um sieben Uhr seine Kinder wecke. Der in Brasilien aufgewachsene Holzhandwerker und Finanzberater absolvierte ein Studium in Betriebsökonomie und machte sich im Private Banking selbstständig. Dank seiner Sprachkenntnisse in Portugiesisch und Spanisch ist es ihm möglich, Vermögensverwalter und Banken in Lateinamerika zu beraten. Ledergerber hat nicht nur eine Passion für Zahlen, sondern auch für Holz. «Im Wohnzimmer in Brasilien hatte mein Vater einige Maschinen und fertigte Möbel.» Vater und Mutter waren Mathematiker und wanderten nach Brasilien aus.

«Man kann lange planen – doch gebaut wird mit den Händen.»

Als Jugendlicher kam er mit seiner Mutter und drei Geschwistern in die Schweiz zurück. Das Handwerk mit Holz hat er sich grösstenteils selbst beigebracht. Vor Handelsschule und Studium arbeitete er kurze Zeit in einem Messebauunternehmen, wo er lernte, mit den Maschinen umzugehen. Seit sieben Jahren arbeitet er in seiner eigenen Werkstatt mit Holz. «Aus der Not wurde eine Tugend», erzählt er.

Er legt Wert auf einheimische Hölzer

Im Frühjahr 2020 war das selbst geplante Haus bald fertig. Er kaufte Maschinen und begann, vieles selbst zu schreinern. Fast alle Möbel sind aus seiner Werkstatt. Er legt grossen Wert auf einheimische Hölzer und bezieht fast alles Holz von einem Landwirtschaftsbetrieb im Dorf. «Nachhaltigkeit ist mir wichtig», sagt der 50-Jährige, der nebst den beiden Schulkindern noch zwei erwachsene Kinder aus erster Ehe und ein Grosskind hat. In seiner Werkstatt liegen Schlitten und Stabellen als Gabenspenden für Schwingfeste. Und dann ist da noch der Brunni-Schlitten: ein Schlitten ohne Leim, ohne Lack und ohne Öl, hergestellt aus Kernesche aus der Region Brunni-Alpthal. Bekannt sind auch seine Hundeschlitten. Diese sind in der Fertigung zeitintensiver. Er führe eine Tradition weiter, denn ein Onkel habe schon Hundeschlitten gebaut.

Traditionen werden gelebt

Aurelio Ledergerber legt grossen Wert auf Traditionen. So schreinert er Räfe, also hölzerne Rückentragen, Grab- und Wegkreuze, repariert Leiterwagen, Hornschlitten und vieles mehr. Kürzlich habe er eine Anfrage aus Frankreich bekommen für die Anfertigung eines Hornschlittens für ein Filmprojekt. An jeden Schlitten montiert er ein Glöckchen. «So hört man die Kinder kommen.» Er hat sich vieles selbst beigebracht und ausprobiert, manches verworfen und vieles einfacher gemacht. Mit einem feinen Gespür für Ästhetik und Material entstehen in seiner Werkstatt Unikate. Vielleicht ist es genau das, was bleibt: nicht die Idee allein, sondern das, was man daraus macht. «Man kann lange planen – doch gebaut wird mit den Händen», sagt Ledergerber.


Caroline Mohnke

Veröffentlichung: 25. Mai 2026 / Ausgabe 21/2026

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