Begehrtes Material mit Zündstoff


Hauptbestandteil von Hartmetall-Werkzeugen wie diesem VHM-Fräser oder Wendeschneiden ist Wolframkarbid – die chemische Verbindung aus Wolfram und Kohlenstoff. Bild: Sven Bürki


Hauptbestandteil von Hartmetall-Werkzeugen wie diesem VHM-Fräser oder Wendeschneiden ist Wolframkarbid – die chemische Verbindung aus Wolfram und Kohlenstoff. Bild: Sven Bürki
Rohstoffknappheit. Hartmetall-Werkzeuge sind in Schreinereien, Holz- und Fensterbau-Unternehmen besonders für die Massivholz-Bearbeitung unverzichtbar. Aufgrund verschiedener globaler Ereignisse waren diese Werkzeuge aber zuletzt massiv teurer als gewohnt.
Was haben Chinas Exportpolitik und die Kriege im Nahen Osten sowie in der Ukraine mit den Fräs-, Bohr- oder Sägewerkzeugen einer Schreinerei oder eines Holzbau-Unternehmens zu tun?
Wer in den letzten Wochen und Monaten sein Werkzeugsortiment aufgestockt oder einen Satz neuer Wendeschneiden erstanden hat, wird die Antwort vielleicht schon kennen. Denn für eine solche Anschaffung musste zuletzt deutlich tiefer in die Tasche gegriffen werden als gewohnt. Grund dafür ist die grosse Nachfrage nach dem Schwermetall Wolfram, welche in den letzten eineinhalb Jahren zu einem enormen Preisanstieg auf dem Rohstoffmarkt geführt hat.
Schaut man sich die Eigenschaften des Metalls an, wird schnell klar, warum Wolfram so gefragt ist. Mit 3422 Grad Celsius hat es den höchsten Schmelzpunkt aller Elemente und ist gleichzeitig eines der härtesten. Das macht das Metall zu einem begehrten Rohstoff für zahlreiche Anwendungen in diversen Branchen und Industrien – unter anderem auch bei der Herstellung von Fräsern, Bohrern oder Sägeblättern für die Holzbearbeitung. Hauptbestandteil der Hartmetall-Werkzeuge ist Wolframkarbid. Die chemische Verbindung aus Wolfram und Kohlenstoff zeichnet sich neben der hohen Härte und Hitzebeständigkeit auch durch eine ausgezeichnete Verschleissfestigkeit aus.
Gleichzeitig ist Wolfram aufgrund seiner Härte aber auch unverzichtbar für die Rüstungsindustrie und für die Herstellung von panzerbrechender Munition, Raketenteilen oder anderen Waffensystemen. Wer die geopolitische Lage in den letzten Jahren mitverfolgt hat, wird sich also kaum wundern, dass in diesem Bereich aktuell eine grosse Nachfrage besteht.
Die Eskalationen in der Ukraine und im Nahen Osten sind aber nicht die einzigen Faktoren für das Rekordhoch bei den Handelspreisen für das Schwermetall. Einfluss haben etwa auch die Spannungen zwischen den USA und China. Mit rund 79 Prozent-anteilen dominiert Letztere die globale Wolframproduktion. Nach Daten der US-Geologiebehörde USGS förderte die Volksrepublik im vergangenen Jahr 67 000 Tonnen der weltweiten Gesamtproduktion von 85 000 Tonnen. Als Reaktion auf die Zollstreits mit den USA führte Peking im Februar 2025 neue Exportkontrollen ein, worauf Chinas Wolframexporte im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent fielen, wie die Nachrichtenagentur Reuters schreibt.
Diese Entwicklungen auf dem globalen Rohstoffmarkt sowie der grosse Bedarf an Wolfram durch die Rüstungsindustrie führten zu einer regelrechten Preisexplosion. «In den letzten eineinhalb Jahren sind die Kosten fast um den Faktor neun gestiegen», sagt Stefan Zvar, Geschäftsführer der Leitz GmbH in Lenzburg AG. Während sich der Kurs für eine metrische Tonneneinheit (Metric Ton Unit, MTU) Ammoniumparawolframat zuvor über mehrere Jahre grösstenteils stabil zwischen 300 und 350 US-Dollar bewegte, stiegen die Preise in den letzten Monaten auf über 3000 Dollar. Eine metrische Tonneneinheit entspricht dabei zehn Kilogramm. Ammoniumparawolframat, oder im Englischen Ammonium Paratungstate (APT), ist ein farbloses, kristallines Wolframsalz, das bei der Aufbereitung von wolframhaltigen Erzen global als universelles und wichtiges Zwischenprodukt dient. Der APT-Kurs wird daher oft als Referenzwert für die Preisentwicklungen bei Wolfram-produkten verwendet.
Dass die Preise aufgrund der geopolitischen Spannungen steigen werden, sei zwar absehbar gewesen, aber dass sie dermassen explodieren, hätte man nicht gedacht, wie Martin Stähli, Vertriebsleiter Schweiz bei der Oertli Werkzeuge AG in Höri ZH, sagt.
Irgendwann habe man keine andere Wahl mehr gehabt, als die hohen Einkaufspreise an die Kunden weiterzugeben. Nach einer generellen Preisanpassung zu Beginn dieses Jahres und nachdem die Preise weiter gestiegen sind, habe man begonnen, mit Rohstoffzuschlägen zu arbeiten. «Wir waren wohl die ersten auf dem Markt, die diesen Schritt gegangen sind», sagt Stähli.
Einen Schritt, den auch die anderen Werkzeughersteller nach und nach gehen mussten. Unter anderem auch die Leitz GmbH oder die Leuco AG in St. Margrethen SG.
Verständlicherweise wenig erfreut über die Zuschläge zeigte sich die Kundschaft der drei Unternehmen. «Nach anfänglichem Aufschrei haben unsere Kunden die Preisanpassungen aber in den allermeisten Fällen akzeptiert», sagt Stähli. Auch bei der Leuco AG klingt es ähnlich. «Bestimmt hat der eine oder andere noch eine zweite Offerte eingeholt – das haben wir selbst auch gemacht, als unsere Lieferanten die Preiserhöhungen kommunizierten», sagt Bekim Izairi, Leiter Verkaufsinnendienst & Marketing bei Leuco. Doch die Preise seien schliesslich überall gestiegen. «Wir sassen alle im gleichen Boot», sagt Izairi.
Die hohen Preise hatten letztlich auch einen Einfluss auf das Einkaufsverhalten der Unternehmen in der Holzbranche. «Betriebe, die bisher einen Jahresbedarf einkauften, haben in den letzten Monaten nur noch das Nötigste an Werkzeug bestellt», sagt Stähli. Und wo zuvor auch gleich noch ein Paket Wendeschneiden dazugeordert wurde, kam hingegen öfters die Nachfrage, ob die Hartmetall-Wendeschneiden auch einzeln bezogen werden können.
Während der Umsatz im Hartmetallbereich also etwas zurückging, konnte man bei der Oertli Werkzeuge AG einen Anstieg bei den DIA-Werkzeugen beobachten. Dass die Entscheidung dabei tendenziell eher zugunsten eines DIA-Fräsers oder eines DIA-Sägeblatts ausfallen kann, erscheint angesichts des derzeit annähernd gleichen Preisniveaus von DIA- und Hartmetall-Werkzeugen durchaus nachvollziehbar. Eine komplette Verschiebung habe jedoch nicht stattgefunden, wie die Zahlen bei der Leuco AG zeigen. «Bei manchen Bearbeitungen ist das Hartmetall mit seiner Schnittigkeit einfach alternativlos», sagt Izairi.
Wenn man um das Hartmetall-Werkzeug also nicht herumkommt, gilt es zumindest, ein Optimum an Leistung und Standzeit und dadurch eine möglichst hohe Kosteneffizienz aus dem Werkzeug herauszuholen. Daher sollte dieses immer sorgfältig auf den zu bearbeitenden Werkstoff abgestimmt werden, sind sich die Experten einig. Ein wichtiger Aspekt könne etwa die Wahl der Hartmetallsorte sein. «Hier kann man schon einiges an Standzeit herausholen», sagt Stähli. Aber auch eine lange Lebenszeit eines Werkzeuges ist wünschenswert. «Durch eine grössere Nachschärfzone kann etwa ein Fräser öfter nachgeschärft werden, wodurch die Lebensdauer verlängert und das Werkzeug nachhaltiger wird», sagt Stefan Zvar.
Die grossen Preissprünge auf dem Rohstoffmarkt bedeuteten auch für die Werkzeughersteller eine Herausforderung bei der Budgetplanung und im Einkauf. «Bei unseren Lieferanten galt zwischenzeitlich eine Preisgültigkeit von zwei Wochen», sagt Bekim Izairi. Gleichzeitig haben sich auch die Lieferzeiten deutlich verlängert. Daher waren beim Einkauf Vorsicht und überlegtes Vorgehen gefragt. «Ansonsten drohen schnell einmal Produktionsausfälle oder grosse Verluste», sagt Izairi.
Sowohl bei Leuco als auch bei Oertli oder Leitz war die Versorgungssicherheit jedoch jederzeit gegeben, und Lieferschwierigkeiten sind weiterhin nicht zu erwarten.
Auch wenn die Lieferketten bis auf Weiteres gesichert sind, gilt es nun, das vorhandene Wolfram nach Möglichkeit in Europa zu halten, wie sich die drei Experten überzeugt zeigen. Dem Thema Recycling gebührt daher gegenwärtig eine grössere Aufmerksamkeit – in der Werkzeugindustrie selbst, aber auch bei den Endkunden. Wolfram ist unbegrenzt recycelbar, und wie die Leitz GmbH in einem Produktflyer zum Thema schreibt, können bis zu 95 Prozent des gesammelten Hartmetalls wieder zu neuen Schneidstoffen aufbereitet werden. Das Unternehmen in Lenzburg bietet für seine Kunden einen Recycling-Service an. So wird beim «Leitz Tool Recycling» das Material ab 3 Kilogramm kostenlos abgeholt und der Gegenwert für das Hartmetall als Gutschrift für den Schleif-Service angerechnet.
Auch bei Leuco und Oertli ist das Thema präsent, und man bemüht sich, die Kundschaft entsprechend zu sensibilisieren. Das hohe Preisniveau beim Wolfram, das sich auch bei der Rücknahme des Materials widerspiegelt, unterstützt diese Entwicklung durchaus, wie Stähli sagt. Sein Unternehmen arbeitet für die Rücknahme und Wiederverwertung gezielt mit einem externen Partner zusammen, der die entsprechenden Arbeiten übernimmt.
Zuletzt durfte man wieder mit verhaltenem Optimismus auf die Kursentwicklung des begehrten Schwermetalls blicken. Zwar sind die Preise nicht wesentlich gesunken, aber sie haben sich über die Sommermonate zumindest etwas stabilisiert. Bleibt zu hoffen, dass dem so bleibt und dass sich auch die globalen Spannungen und Auseinandersetzungen möglichst bald entspannen. Denn anders als in vielen Industrieanwendungen ist das Wolfram, das in Munition oder Raketen eingesetzt wird, nicht mehr recycelbar. Mit jeder Rakete, die explodiert, geht der wertvolle Rohstoff also unwiederbringlich verloren.
Veröffentlichung: 08. Oktober 2026 / Ausgabe 41/2026
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