Beim Rollenspiel entscheiden Details


«Hommage» heisst die Neuinterpretation des Rollschrankes vom Atelier Oï für die Kollektion von Röthlisberger. Bild: Röthlisberger AG


«Hommage» heisst die Neuinterpretation des Rollschrankes vom Atelier Oï für die Kollektion von Röthlisberger. Bild: Röthlisberger AG
Rollfronten aus Holz. Die vertikalen Exemplare von Möbelrollläden sieht man vor allem an Lateralschränken aus den 1950er- bis 1970er-Jahren. Horizontal öffnende Entwürfe dagegen sind wieder aktuell, wie auch ein Blick auf das Schaffen junger Schreinerinnen und Schreiner zeigt.
Man muss schon die älteren Ausgaben von Lehrbüchern aus dem Regal ziehen, um etwas über Rollfronten von Möbeln zu erfahren. «Die Herstellung einer Rollladentür ist im Grunde sehr einfach und nicht viel teurer als eine sonst zu öffnende Tür oder Schiebetür», schreibt Fritz Spannagel in seinem 1954 erschienenen Werk «Der Möbelbau». Auch 17 Jahre später taucht das Thema im Handbuch der Konstruktion für Möbel und Einbauschränke von Wolfgang Nutsch nochmals auf. Danach verschwindet der Möbelrollladen weitestgehend aus den Fach- und Lehrbüchern.
Die meisten probieren aus
Diese Erfahrung hat auch Schreinerin Leanne Hofer gemacht. Vor einem Jahr, noch in der Ausbildung, war ihre Idee, eine Rollfront in Massivholz für den Wettbewerb Schreiner Nachwuchsstar umzusetzen. In der Fachliteratur fand sie nichts, aber auf Instagram hat sie sich inspirieren lassen. «Im Grunde hatte ich ein Video und sonst nichts», sagt Hofer. Sie habe das Ganze dann zusammen mit ihrem Ausbildner angeschaut und dann einfach ausprobiert.
Die Rollfront für das Sideboard von Hofer ist mit 40 mm ungewöhnlich stark. Die Stärke brauchte es, damit sie ins Material hineinarbeiten und wellenartige Vertiefungen ausarbeiten konnte. Um zu sehen, ob das funktioniert, hat Hofer zunächst eine Probefront aus Nadelholz gefertigt. So konnte sie sehen, ob die Schablone und das Aufkleben des Stoffes funktionieren würden. Nach zehn Minuten in der Presse hat sie die Front herausgenommen und aufgestellt, damit die Lamellen nicht miteinander verkleben, falls sich Leim durch das Baumwollgewebe gedrückt hätte. «Das hat alles soweit gut funktioniert, und so konnte ich die Front in Ulme angehen», erklärt Hofer. Das Verkleben des Stoffes mit den Holzlamellen ist heute durch die guten Leime weitestgehend unproblematisch. Dazu braucht es einen handelsüblichen Dispersionsklebstoff, ein dichtes Baumwollgewebe und eine Vorrichtung oder Schablone, damit die Lamellen beim Verpressen mit dem Stoff eng zusammenbleiben.
Früher wurde als Textil oft Drillich, auch als Drill oder Drell bezeichnet, verwendet. Dabei handelt es sich um ein dichtes und reissfestes Gewebe aus Baumwolle und Leinen, das auch als robustes Material für Arbeitskleidung diente. Dann reichte es, die Lamellen rückseitig mit Bahnen des Textils zu belegen. Man muss also nicht zwingend den Stoff flächig verkleben.
Wertvolle Erfahrungen gesammelt
Im Beispiel des Möbels von Hofer bot sich das vollflächige Verkleben mit Stoff an, weil die Materialstärke der Front mit bis zu 40 mm für recht viel Gewicht sorgt.
Zunächst schien alles zu funktionieren. Als die Führungsnut gefräst, die Rollfront eingesetzt und die Griffe montiert waren, zeigte sich jedoch, dass sich der Rollladen nur sehr schlecht bewegen liess. «Die Front war zu schwer, die Montage der Griffe an der ersten Lamelle war nicht richtig, und so hat sich diese beim Ziehen immer verkantet», erzählt Hofer. Sie demontierte die Front, trennte die erste Lamelle mit den Griffen ab und arbeitete die Wellen im Material zunächst deutlicher aus, sodass die Front an Holz und damit an Gewicht verlor.
Wegen des Rohdichteprofils einer Spanplatte eignet sich diese nicht für eine Führungsnut. Richtigerweise hat die junge Schreinerin deshalb die Massivholzanleimer 80 mm breit gemacht. Dadurch verläuft die Führungsnut im Massivholz. Damit die Front noch besser gleitet, bekam der Nutgrund eine passgenaue Einlage aus Kunststoff. Um das Verkanten der Front
zu vermeiden, hat Hofer anstelle der angeschraubten Griffe zwei Griffstellen jeweils im Bereich der dritten und vierten Lamelle ausgearbeitet. Dieses Bündel an Massnahmen sorgte dafür, dass die Front am Ende gut lief.
Beschläge sind schwer zu finden
Die Beschlaghersteller hatten früher ein Sortiment für Teile zum Umsetzen von Rollläden vertikal und horizontal im Programm. Heute findet man so etwas eher rudimentär in den Katalogen der Händler. Bei Häfele etwa sind solche Artikel aktuell als Restposten ausgezeichnet. Der Beschlaghändler hat letzte Halbfertigteile für Rollläden aus Holz – wie Schnecken für das Aufwickeln von vertikalen Rollfronten, Laufschienen und Bögen aus Kunststoff oder Lamellenmatten samt Schlossfries in Holz – im Angebot.
Fündig wird man auch noch im Katalog von Ostermann in Sachen Holzrollladen für Möbel. Neben den Lamellenmatten selbst bietet der Händler auch die technischen Zubehörteile wie Schienen, Bögen, Gewichtsausgleich oder Stopper. Letzterer ist besonders wichtig beim vertikal öffnenden Rollladen. Falls dieser einmal aus der Hand gleitet, wird der Rollladen am Ende durch den Beschlag gestoppt und schlägt nicht mit dem Griffstück auf den Sockel auf.
Der Anfang ist wichtig
An vielen alten Entwürfen von Möbelrollläden, gleich ob vertikal oder horizontal öffnend, ist die erste Lamelle breiter ausgeführt. Neben der Aufnahme des Schlosses dient dies auch der besseren Führung und verhindert ein Verkanten beim Bewegen der Front.
Bei jungen Leuten angesagt?
Leanne Hofer war beim Wettbewerb längst nicht die Einzige, die eine Rollfront an ihrem Möbelstück umgesetzt hat. Insgesamt waren es vier Teilnehmende. Fast könnte man auf die Idee kommen, dass Rollladenfronten wieder trendig geworden sind.
Die Schreinerei Röthlisberger in Gümligen BE hat eine lange Tradition mit Rollfronten. Und auch heute setzt sie in ihrer Kollektion Rö auf das zeitlose Design von Rollfronten. So hat das Atelier Oï mit «Hommage» die Klassiker der Kollektion aufgenommen und verschiedene spielerisch zu bedienende Möbel mit Rollfronten entworfen. Manche der alten Entwürfe von Rö sind heute begehrte Klassiker. Im Möbelhaus H100 in Zürich ist aktuell ein Rö-Rollschrank nach einem Entwurf von Trix und Robert Haussmann von 1977 auf Lager. Ein mittelhoher Kasten mit vertikal gegenläufigen Doppel-Rollladen. Hinter der Rollfront verbirgt sich neben Fächern auch eine Klappe, die als Pultfläche dient. «Immer wieder kommen Liebhaber von Möbeln mit Rollfronten in unsere Ausstellung, und die sind sehr interessiert an den Stücken», sagt Yannic Jeandupeux vom Möbelhaus H100. Etwa an der Arbeit vom dänischen Hersteller Sibast. Das Sideboard in Teakholz ist auch ein Phonomöbel. Auffällig daran ist vor allem, dass man auch nach vielen Jahrzehnten die Lamellenstösse fast nicht sieht. Geschlossen wirkt die Rollfront nahezu wie eine Fläche.
Gehalten werden die Lamellen dabei durch zwei rückseitig aufgeklebte Textilbänder und geführt sind die Fronten durch eine Nut im ersten breiten Fries des Rollladens. Auch das eine Besonderheit, die offensichtlich über lange Zeit gut funktionieren kann.
Christian Härtel
Veröffentlichung: 13. August 2026 / Ausgabe 33/2026
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