«Die Brennstärke ist entscheidend»

Bei dieser Fassade wurde die oberste Kohleschicht mit der Bürste abgetragen, dadurch erhielten die Bretter einen Altholz-ähnlichen Charakter. Bild: Stanislas Zimmermann

Nachgefragt.  Beim Mehrgenerationenhaus in Altendorf SZ entstand die Holzfassade direkt auf der Baustelle. Im Interview erklärt Stanislas Zimmermann, welches Know-how Schreiner dafür brauchen, wie kritisch die Brennstärke ist und was sich langfristig erwarten lässt.

Stanislas Zimmermann ist diplomierter Architekt ETH SIA BSA und führt gemeinsam mit Valérie Jomini ein Architekturbüro in der Stadt Zürich. Er ist Studiengangsleiter für Master Architektur an der Berner Fachhochschule (BFH). Daneben ist er Stiftungsrat der Schweizerischen Plastikausstellungen Biel.

Schreinerzeitung: In Altendorf SZ realisierten Sie ein Mehrgenerationenhaus mit einer besonderen Fassade. Was war das Ziel hierbei?
stanislas zimmermann: Wir wollten ein Haus, das von Anfang an dunkelbraun wirkt – so wie historische Holzbauten, die durch Sonne und Witterung über Jahre nachdunkeln. Nicht erst nach 10 oder 15 Jahren, sondern sofort. Deshalb suchten wir eine Lösung, bei der das Holz von Beginn an diese Tiefe und Ruhe bekommt.
Warum fiel die Wahl auf Yakisugi?
Weil es genau diesen Effekt ermöglicht. Das Holz wird nicht verbrannt, sondern kontrolliert beflammt. Die Oberfläche verkohlt, das Innere bleibt intakt. Optisch entsteht ein dunkler Ton, technisch verbessert sich die Widerstandsfähigkeit.
Woher kam die Idee konkret?
Aus Japan. Wir waren mehrmals dort und haben gesehen, wie Häuser regelmässig beflammt werden, um das Holz zu schützen und zu verdunkeln. Später stiessen wir in der Westschweiz auf ein Projekt von befreundeten Architekten, die ihre Fassade selbst karbonisiert hatten – gemeinsam mit den Bauherren in einem Workshop.
Wie lief denn Ihr Projekt ab?
Sehr einfach und direkt auf der Baustelle in Altendorf: Die Bretter lagen auf Böcken, wurden mit Gasbrennern gleichmässig beflammt und danach mit einer weichen Bürste bearbeitet. Wichtig war dabei, nur die lose Kohle zu entfernen und die stabile Schicht zu erhalten.
Was war das Besondere beim Auftrag?
Das Projekt haben wir mit Studierenden der Holzfachschule Biel im Rahmen eines Praxistransfers umgesetzt. Holzbau- und Holzingenieurstudierende arbeiteten eine Woche lang auf der Baustelle mit. Sie bauten einfache Gestelle, auf denen die Fichtenbretter karbonisiert wurden.
Welche Geräte kamen zum Einsatz?
Grosse Gasbrenner, wie sie sonst im Flachdachbau verwendet werden. Damit lässt sich die Hitze gut dosieren. Entscheidend ist nicht die Geschwindigkeit, sondern die Kontrolle.
Worin liegt die grösste Herausforderung bei der Karbonisierung?
In der richtigen Brennstärke. Ist die Kohleschicht zu dünn, wird sie durch Regen ausgewaschen. Ist sie zu dick, wird sie spröde und kann – etwa bei Frost – abplatzen. Ziel ist eine gleichmässige, stabile Schicht, die schützt, ohne brüchig zu werden.
Warum haben Sie sich für Fichte entschieden?
Aus Kostengründen. Das Budget war knapp, und Fichte ist verfügbar. Wir haben unbehandelte, profilierte Fassadenbretter verwendet. Andere Holzarten wären teurer gewesen, ohne zwingend einen proportionalen Mehrwert zu bringen.
Wie gross war der Aufwand insgesamt?
Wir haben rund 400 Quadratmeter Fassade karbonisiert. Mit zunehmender Erfahrung wurde der Prozess gleichmässiger und effizienter.
Wurde die Oberfläche abschliessend behandelt oder roh belassen?
Nach dem Bürsten haben wir die Sichtseite und die Kanten mit Leinöl behandelt. Einerseits um die verkohlte Oberfläche zu schützen, andererseits um ein Abfärben zu verhindern. Die Rückseite liessen wir unbehandelt, da sie nicht der Witterung ausgesetzt ist.
Gab es Einschränkungen bei der Montage?
Nein, das gab es nicht. Die Montage erfolgte wie bei einer normalen Holzfassade. Man muss mit schwarzen Händen rechnen, aber das ist beherrschbar. Der Vorteil von Leinöl ist, dass man die Oberfläche später problemlos nachbehandeln kann.
Wie reagierte die Bauherrschaft auf das Ergebnis?
Sehr positiv. Sie haben selbst mitgearbeitet und dadurch einen direkten Bezug zum Material bekommen. Kleine Unregelmässigkeiten stören sie nicht – ganz im Gegenteil. Dadurch wird die Fassade lebendig und natürlich.
Gibt es schon Langzeiterfahrungen?

Das Gebäude ist rund eineinhalb Jahre alt. Für belastbare Aussagen zur Alterung ist es noch zu früh. Klar ist: Stark bewitterte Stellen lassen sich bei Bedarf einfach nachölen.

Wo sehen Sie die Grenzen der Technik?

In der fehlenden Normierung. Es gibt keine Garantie, wie sich die Oberfläche exakt über Jahrzehnte entwickelt. Man braucht Erfahrung, Tests und die Bereitschaft, mit dem Material zu arbeiten.

Braucht es dafür spezialisierte Handwerker?

Nicht zwingend. Schreiner können das, wenn sie sich mit der Technik auseinandersetzen. Entscheidend sind Erfahrung und ein Gefühl für den richtigen Moment zum Stoppen des Brennvorgangs.

j-z.ch

michi läuchli

Veröffentlichung: 08. Januar 2026 / Ausgabe 1-2/2026

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