Möbel mit Geschmack

Das Design «Wave» von Lukas Dahlén mit den sanften Wellen gibt es auch für andere Entwürfe von Ringvide. Bild: Ringvide

Skandinavien. Der Möbelbau in den Ländern des Nordens gefällt auch hierzulande. Erklärungsansätze, was das skandinavische Design ausmacht, liefern Akteure aus Dänemark, Schweden, Norwegen und Finnland – und ein Schweizer.

Bei Iben Herrik muss man reservieren oder Glück haben. Längst ist das kleine Café in Kopenhagen kein Geheimtipp mehr. Fast hat es etwas von einer Kultstätte. Feilgeboten werden diese besonderen belegten Brote, auch bekannt aus der Muppetshow, mit dem für uns lustigen Namen Smørrebrød. Was woanders einfach eine Scheibe Schwarzbrot mit etwas drauf ist, das ist in Dänemark ein kleines kulinarisches Meisterwerk. Auf die solide Grundlage der körnigen Brotscheibe wird eine wohlproportionierte Komposition an Belag gepackt, die kurzum mehr ist als die Summe ihrer Teile. Und das schmeckt.

Wohlproportioniert sind auch die Rundungen von «Wave», einem Möbeldesign, das von Schreiner und Produktdesigner Lukas Dahlén in verschiedenen Arbeiten seine Anwendung findet. In seiner Werkstatt auf der schwedischen Insel Gotland experimentiert Dahlén viel mit Formen, Materialien und Konstruktionen, um die Grenzen des Gewohnten zu überwinden. Auf die Frage, was skandinavisches Design ausmache und wie es sich herausgebildet habe, antwortet er mit fundiertem Wissen. Für Dahlén reichen die Wurzeln dazu weit über die skandinavische Moderne der 1950er-Jahre zurück.

«Skandinavisches Design ist weniger ein Stil als ein kultureller Ansatz, der sich über Generationen hinweg entwickelt hat.» 
Lukas Dahlén, Schreiner und Designer mit seinem Label Ringvide in Visby, Schweden
 

Denn während in Kontinentaleuropa der Jugendstil üppige Zierformen hervorbrachte, suchten nordische Designer die Verbindung zur Natur durch Einfachheit und den Bezug zu lokalen Traditionen im Handwerk zu realisieren. Das Erbe der Wikinger, die Volksarchitektur und – interessanterweise – die japanische Ästhetik hätten das skandinavische Design beeinflusst. Es seien die Wertschätzung von Material und die Materialtreue, die Zurückhaltung, die Proportionen und die Schönheit gut gearbeiteter Objekte aus Japan, die deutliche Spuren hinterlassen hätten. Diese Beeinflussung lässt sich an vielen aktuellen Entwürfen im skandinavischen Möbeldesign tatsächlich deutlich ablesen.

Aber: Man sollte besser vom nordischen Design sprechen. Denn es ist eher komplex zu definieren, was und wer skandinavisch ist. So gehört das Finnische nicht zur gemeinsamen Sprachfamilie des Dänischen, Schwedischen und Norwegischen. Geografisch und kulturgeschichtlich sieht es anders aus. Und auch Island, Grönland und die Färöer könnte man zu Skandinavien zählen. Es ist wie so oft: komplex.

«Unsere Stärke liegt in den Proportionen, der Ehrlichkeit der Materialien und der Fähigkeit, Handwerkskunst als etwas Natürliches und nicht als Dekoration wirken zu lassen.» 
Birgitta Murga Thomsen, Markenchefin bei Garde Hvalsøe in Kopenhagen, Dänemark
 

Zudem entwickelt sich kein Trend, kein Stil und auch keine Epoche isoliert von äusseren Einflüssen. Wer das nordische Design verstehen möchte, müsse neben dem starken Einfluss der japanischen Ästhetik auch den Funktionalismus, das Bauhaus und den späteren Minimalismus beachten, erklärt Dahlén. Diese Strömungen habe man mit der Verwendung von lokalen Materialien, der Handwerkskunst und kulturellen Werten verbunden.

«Für uns dreht sich bei unseren Einrichtungsentwürfen und Möbeln alles um die Details.» 
Janne Ramona Werdal, Verkaufs- und Marketingchefin bei Hamran in Oslo, Norwegen
 

Was beim nordischen Design immer wieder auffällt, sind die hingebungsvoll ausgeführten Details. Manchmal unterscheiden sich die Entwürfe auf den ersten Blick nur wenig, insbesondere was die typischen Stühle mit Geflechten aus Papierkordel angeht. Aber wer genau hinschaut, entdeckt dann doch Unterschiede. Sichtbare Holzverbindungen sind häufig, manchmal auch zum Zierelement ausgearbeitet.

Was bei den günstigen Möbeln manchmal etwas verstörend wirkt, nämlich der sichtbare Schraubenkopf, ist im hochwertigen Segment mit durchgestemmten Zapfen und Keilen dagegen ein Hingucker. Die Sichtbarkeit der Verbindungen widerspiegelt die Ehrlichkeit zum Material.

In puncto Bequemlichkeit, Nutzerfreundlichkeit und auch in der Formensprache sind es oft Details, die darüber entscheiden, ob ein Stück besonders gut, oder eher unstimmig wirkt. «Für uns dreht sich bei unseren Einrichtungsentwürfen und Möbeln alles um die Details», sagt Janne Ramona Werdal vom Label Hamran in Oslo. Dazu gehöre die handwerkliche Ausführung selbst, aber auch die Kombination der Materialien und das Gespür für den Raum, für den die Einrichtung konzipiert wird. «Es geht darum, den Raum, die Architektur und die Epoche, in der die Einrichtung stehen wird, zu respektieren», erklärt Werdal.

Es gehört auch zum Respekt vor dem Material, dass man Holz zeigt, wie es ist. Je nachdem, wie es angeschnitten wird, erhält man die derzeit so hoch in der Gunst stehende streifige Zeichnung oder aber, wenn die Jahrringe flach angeschnitten werden, die blumige Zeichnung, die Fladerung. Beides und davon viel, lautet die Losung bei den nordischen Designs, während der hochwertige Innen- und Möbelausbau derzeit nur streifiges Holz zu kennen scheint. Nicht immer, aber zu oft ist das so.

Man scheut sich im nordischen Design auch nicht, etwas Farbe ins Spiel zu bringen, um einen Akzent zu setzen oder einen Bruch in der Gestaltung in Kauf zu nehmen, damit ein Entwurf mehr Spannung erhält. Auch alt und neu nebeneinander ist kein Problem für viele Gestalter aus dem Norden. «Holz spielt in der Tradition nordischen Designs eine zentrale Rolle, da es funktionalen Objekten und Räumen Wärme, Haptik und Langlebigkeit verleiht», sagt Brigitta Murga Thomsen von Garde Hvalsøe.

Die Schreinerei hat sich zu einem der wichtigen Akteure in Kopenhagen entwickelt. Dort hält man kompromissloses Handwerk immer noch sehr hoch. Aus den zahlreichen massgeschreinerten Küchen und Innenausstattungen auf Bestellung hat sich im Laufe der Zeit eine Handschrift durch wiederkehrende Elemente, Ideen, Proportionen und Konstruktionen entwickelt, so- dass das Ganze zu einer Kollektion geworden ist. «Das ist keine Vereinfachung, sondern eine Möglichkeit, unsere Lösungen leichter zugänglich zu machen und trotzdem die Sorfgalt unserer Ansprüche zu verwirklichen», sagt Thomsen.

«Inspiration durch die Natur, Respekt und die ehrliche Verwendung von Materialien. Dazu eine einzigartige Bescheidenheit. Das ist in Finnland wohl noch stärker als in den benachbarten skandinavischen Ländern.» 
Antrei Hartikainen, Schreiner und Designer, Fiskars, Finnland
 

In diesem Sinne sei die Kollektion eher aus der Werkstatt heraus entstanden als aus einer Marktstrategie. Der Ausgangspunkt sei immer derselbe geblieben: Arbeiten zu schaffen, die sowohl technisch als auch ästhetisch Bestand hätten.

Beim finnischen Schreiner und Gestalter Antrei Hartikainen klingt es sehr vertraut. «Es gibt viele Ähnlichkeiten zum skandinavischen Design, aber im Grunde basieren die finnische Designgeschichte und die Gegenwart auf einer gewissen Bescheidenheit und darauf, dass das Werk selbst für sich spricht, ohne dass es sich in Szene setzen muss», so Artikainen. Inspiration durch die Natur, Respekt vor den Grundmaterialien und deren ehrlicher Verwendung sowie eine einzigartige Bescheidenheit seien im finnischen Design vielleicht noch stärker präsent als in den benachbarten skandinavischen Ländern.

Das nordische Möbeldesign ist in anderen Ländern immer gefragter. Vor allem in kaufkräftigen Ländern wie der Schweiz sind die Entwürfe aus dem Norden beliebt. Die haben ihren Preis. Bei Möbelklassikern wie etwa den Stühlen von Hans J. Wegner liegt dieser teils deutlich im fünfstelligen Bereich. Andere Arbeiten sind erschwinglicher, aber Handwerk in den nordischen Ländern ist immer im gehobenen Preissegment angesiedelt.

«Skandinavische Entwürfe passen zur Schweizer Mentalität, denn sie sind bescheiden, von hoher Qualität und formschön, doch weniger gradlinig, dafür lieblicher in Form und Farbe.» 
Jürg Scheidegger, Agentur für Design, Marketing und Vertrieb, Bern
 

Für Branchenexperte Jürg Scheidegger passen die nordischen Entwürfe mit ihrer Schlichtheit einfach zur Schweizer Mentalität. Aber sie sind eben manchmal auch etwas verspielter, als wir das machen würden. Oder wie Scheidegger sagt: «lieblicher in Form und Farbe».

www.ringvide.comwww.hausmann.workswww.duusmoeller.comwww.hamran.nowww.gardehvalsoe.dkwww.antreihartikainen.fiwww.blugo.ch

Christian Härtel

Veröffentlichung: 18. Juni 2026 / Ausgabe 25/2026

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