Praktische Verwandlungskünstler


Clevere Möbellösungen schaffen viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Bild: Elements | of


Clevere Möbellösungen schaffen viele verschiedene Arbeitsmöglichkeiten. Bild: Elements | of
Wandelbare möbel. Veränderbares Mobiliar denkt Nutzung weiter. Statt fixer Lösungen entstehen Systeme, die verschiedene Einsatzmöglichkeiten erlauben, Umbauten vereinfachen und Möbel länger relevant halten, auch wenn sich Räume oder Anforderungen verändern.
Möbel werden von Schreinereien meist individuell auf Kundenwunsch hergestellt. Deren Anwendung, Ergonomie und Gestaltung sind dann auf einen konkreten Moment und Raum abgestimmt. Ändern sich jedoch die Wohnverhältnisse, die Nutzung oder die Lebenssituation, stossen diese Möbel oft an ihre Grenzen. Was gestern perfekt gepasst hat, wird heute zu gross, zu klein oder funktional unbrauchbar.
Modulare und wandelbare Möbelsysteme setzen hier an: Statt lediglich eine Zweckmässigkeit abzudecken, kann dank einer durchdachten Planung auf mehrere Bedürfnisse Rücksicht genommen werden. Möbel lassen sich so durch simples Umbauen ergänzen, erweitern, austauschen oder neu anordnen. Das Möbel bleibt im Bestand und verändert sich mit den Anforderungen – und entscheidender: Es wird multifunktional. Soll heissen, dass sich das Büchergestell beispielsweise zur Bank oder der Korpus zum Tisch umfunktionieren lässt.
Für die Planung und Fertigung, aber auch Vermarktung ergeben sich daraus klare Vorteile, ebenso neue Herausforderungen. Modulare Möbelsysteme verlangen ein anderes Denken – weg vom singulären Werkstück hin zu einem funktionierenden Gesamtsystem. Es reicht nicht, ein schönes Möbel zu bauen, das in einer Konfiguration funktioniert. Alle möglichen Varianten müssen konstruktiv durchdacht werden. Höhen, Breiten, Tiefen, Lastabtrag, Verbindungen und Toleranzen müssen so aufeinander abgestimmt sein, dass keine Kombination zur Sackgasse wird.
Dabei spielt die Normierung eine zentrale Rolle. Module brauchen definierte Raster und Verbindungs- respektive Erweiterungspunkte. Diese Normierung ist kein Widerspruch zur Individualität, sondern ihre Voraussetzung. Nur wenn Grundmasse und Schnittstellen klar definiert sind, lassen sich individuelle Konfigurationen zuverlässig umsetzen. Der Schreiner entwickelt damit sein eigenes Baukastensystem, das auf seine Werkstatt, seine Maschinen und seine Kundschaft abgestimmt ist.
Ob ein modulares Möbelsystem funktioniert oder versagt, entscheidet sich in der Konstruktion. Verbindungen müssen stabil, langlebig und wieder lösbar sein. Schrauben, Dübel, Exzenter oder Stecksysteme dürfen ihre Funktion auch nach mehrmaligem Umbau nicht verlieren. Gleichzeitig müssen sie so ausgeführt sein, dass der Umbau ohne Spezialwerkzeug möglich bleibt.
Besonders anspruchsvoll ist die Balance zwischen Stabilität und Flexibilität. Ein Modul darf nicht nur im Einzelzustand funktionieren, sondern auch im Verbund mit anderen. Lasten, die heute vertikal wirken, können morgen horizontal abgetragen werden. Die Konstruktion muss diese Szenarien aushalten, ohne an Präzision oder Wertigkeit zu verlieren.
Damit modulare und wandelbare Möbelsysteme ihr Potenzial entfalten, müssen sie einfach und verständlich sein, sowohl für den Schreiner als auch für die Kundschaft. Eine intuitive Planung ist deshalb zentral. Sie kann mittels digitalen Konfigurationstools oder analog über Planungsunterlagen erfolgen. Entscheidend ist, dass die Zusammenstellung der einzelnen Teile ohne grosses Vorwissen und allgemeinverständlich ist. Der Kunde soll verstehen, wie das System funktioniert, welche Möglichkeiten es bietet und wo seine Grenzen liegen. Je klarer die Struktur, desto einfacher die Entscheidung. Gleichzeitig profitiert der Schreiner von einer sauberen Vorplanung. Individuelle Konfigurationen lassen sich direkt in die Produktion überführen, ohne jedes Mal bei null zu beginnen.
Für die Werkstatt ergeben sich durch modulare Systeme klare Vorteile. Wiederkehrende Teile lassen sich effizienter fertigen, Arbeitsabläufe standardisieren und dadurch Fehlerquellen reduzieren. Zeitgleich bleibt genug Spielraum für Anpassungen bei Material, Oberfläche oder Detailausbildung.
Modulare Möbel müssen nicht technisch oder kühl wirken. Auch im System bleibt Gestaltung ein zentrales Thema. Proportionen, Materialwahl und Oberflächen bestimmen die Wahrnehmung. Wichtig ist, dass die Gestaltung das System nicht behindert. Verzierungen, Sonderformen oder komplizierte Profile können die Wandelbarkeit einschränken. Bewährt haben sich klare Linien, robuste Materialien und reparierbare Oberflächen.
«Wir fanden kein Mobiliar, das zu unserem Büro passte – also entwickelten wir ein eigenes modulares Möbelsystem aus Massivholz», sagt Roger Semlitsch, Inhaber der Sesam AG, einer Softwarefirma in Uster ZH. Das Ziel sei gewesen, so wenig Massivholz wie möglich einzusetzen, um die Möbel nachhaltig und leicht zu gestalten.
Bei vielen Regalsystemen werden die Seiten respektive Tablare aneinandergereiht. «Unser System basiert auf unterschiedlichen H-Teilen, die sich jeweils die Seitenwand teilen und dann zickzack aufgebaut werden.» Verbunden und zusammengesteckt werden die Elemente aus rohem oder geöltem Eichenholz jeweils mit 6-mm-Metallstiften über die Stirnseite. Die Elemente sind mit einer Tiefe von 380 und 200 mm, einer Breite von 380 und 740 mm sowie einer Höhe von mehreren Dimensionen erhältlich. Das Regal lässt sich zudem jederzeit erweitern und mit weiteren Elementen wie Sideboard oder Kommoden – die sich wiederum mit Schubladen oder Schiebetüren bestücken lassen – erweitern. Lokal zu produzieren, ist für die Firma wichtig, weshalb die Möbel in der Schreinerei Q in Winterthur hergestellt werden.
Ein modulares Möbelsystem, das sich wie Lego zusammenbauen lässt und aus Schweizer Holz gefertigt ist – das waren die Vorgaben, mit denen das Amt für Wald und Naturgefahren des Kantons Bern an die Schreinerei Rothenbühler AG in Zollbrück BE herantrat. Ausgangspunkt war der Wunsch nach einer flexiblen Einrichtung für einen neuen Workshopraum. «Kern des Systems sind stapelbare Kisten, die sich frei kombinieren und unterschiedlich anordnen lassen. Daraus entstanden vielseitig nutzbare Möbel, die als Regal, Tisch, Hocker oder Bank eingesetzt werden können», sagt Sven Rothenbühler, Projektleiter und Geschäftsführer der Rothenbühler AG. Für die Aufbewahrung lassen sich alle Elemente in einem eigens dafür gefertigten Wagen aus Eschenholz verstauen. Entstanden ist ein schlichtes, funktionales Möbelsystem, das flexibel eingesetzt und jederzeit neu konfiguriert werden kann. Die Boxen bestehen aus Spanplatte mit Eschenfurnier und sind mit Füssen ausgestattet, die in das darunter liegende Modul einrasten und ein Verrutschen verhindern. Das Boxensystem hat eine Kantenlänge von 350 mm. Dank der definierten Modulhöhe ergeben sich unterschiedliche Nutzungsmöglichkeiten: Eine Box mit Deckel dient als Hocker, zwei gestapelte Module links und rechts tragen eine Platte und bilden einen Arbeitstisch. Je nach Kombination lassen sich so rasch auch eine Bank oder ein Hochtisch zusammenstellen. Das Prinzip beruht auf maximaler Flexibilität mit stets gleichen Elementen.
«SteckHolz» steht für ein variables, zerleg- und erweiterbares Holzmöbel mit rein selbstklemmenden Holzverbindungen (Bild rechts). Die Konstruktion kommt vollständig ohne Metall aus, ist von Hand steckbar und lässt sich per Fingerdruck wieder auseinandernehmen. Werkzeuge sind nicht erforderlich. Das Möbel ist logisch aufgebaut, einfach zu handhaben und leicht zu transportieren. «Das charakteristische Merkmal ist die präzise Holzklemmverbindung. Beim Zusammenfügen schnappen die Teile hörbar ein», sagt Christian Albrecht, «SteckHolz»-Erfinder und Inhaber der Firma. Dieser Klick signalisiert, dass die Verbindung korrekt sitzt und das Möbel stabil steht. Die Verbindung klemmt zehntelmillimetergenau, ist gegen unbeabsichtigten Rückzug arretiert und kann dennoch jederzeit von Hand wieder gelöst werden. Unkontrolliertes Öffnen oder Ausklinken wird zuverlässig verhindert. «Die Verbindung basiert auf hochpräziser CNC-Bearbeitung und greift historische, vor allem asiatische Holztechniken auf, die im modernen Handwerk weitgehend verloren gegangen sind.» Die Konstruktion nutzt gezielt die Federkraft und Eigenspannung des Holzes. Die markante Klemmverbindung prägt nicht nur die Funktion, sondern auch die Optik der Möbel und verleiht ihnen eine eigenständige Identität. Damit lässt sich ein Büchergestell unkompliziert erweitern, aufteilen oder zum Beispiel in ein Sideboard, Schuhgestell oder Badmöbel umwandeln.
Gefertigt wird «SteckHolz» aus Sperrholz oder Massivholz. Erhältlich sind farbige Varianten aus Birkensperrholz mit transparenten Beschichtungen, ökonomische Ausführungen aus rohem oder furniertem Sperrholz sowie naturnahe und ökologische Versionen aus geöltem Massivholz, auf Wunsch aus regionaler Herkunft.
Der All-in-one-Schreibtisch «E-W1» der Firma Elements | of richtet sich gezielt an Coworking Spaces und das Homeoffice: Ein kompakter Rollcontainer, der sich mit wenigen Handgriffen zu einem vollwertigen Arbeits- und Steharbeitsplatz entfaltet. Kern des Möbels ist die zweiteilige Schreibtischplatte mit ausziehbarem Element und angeschlagenem Klappsegment. Ergänzt wird sie durch eine separate, pneumatisch höhenverstellbare Platte, die ergonomisches Arbeiten im Stehen ermöglicht. Der «E-W1» steht auf Rollen und bleibt trotz seiner Funktionalität mobil. Gefertigt wird das Möbel in der Standardausführung aus Birke-Multiplex. Die Arbeitsplatte ist beidseitig mit HPL von Egger beschichtet, die Kanten sind geschliffen und geölt. Weitere Flächen und Kanten bestehen aus Stäbchenplatte mit Linoleum von Forbo. Die Schubladen sind aus 14 mm Birke gefertigt, fingergezinkt, geschliffen und geölt. Bei einer Standardtiefe von 600 mm wiegt der «E-W1» 68 kg. Optional sind Tiefen von 700 oder 800 mm erhältlich. Weitere Oberflächen, Materialien und individuelle Anpassungen sind möglich – bis hin zu Sonderanfertigungen, etwa mit massiven Drei-Schicht-Tischplatten aus Eiche.
Das wandelbare Möbel kann mit Zusatzfunktionen wie abschliessbaren Schubladen- und Ordnerfächern, einer E-Box zur Elektrifizierung mit Kabel-aufroller und Steckdosen innen und aussen, einem verdeckt montierten Induktionsladegerät sowie Monitorarm und Klemmleuchte ergänzt werden.
Entwickelt und gefertigt wird der «E-W1» von einem 2021 in Wiesent (D) gegründeten Planungs- und Designstudio mit eigener Schreinerei. Die Entwürfe folgen einer klaren, reduzierten Formensprache, bei der Multifunktionalität und Modularität im Mittelpunkt stehen.
Veröffentlichung: 05. Februar 2026 / Ausgabe 6/2026
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